Marlene Maier, Irreale Motoren (Unreal Engines), 2019. Videostandbild
Irreale Motoren (Unreal Engines)
2019. Ein-Kanal-Videoinstallation, 20′
Wissensgeschichtlich wurden die menschliche Wahrnehmung, die Erforschung der Welt und des Universums maßgeblich vom Phänomen des Schattens bestimmt, dessen Bedeutung vor allem darin liegt, als Indiz für das Vorhandensein eines Körpers zu fungieren, ohne dieser tatsächlich zu sein. In der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Bildtechnologien wie Machine Vision, Virtual Reality, algorithmisierter Bilderstellung und 3D-Modelling wird deutlich, dass der Schatten auch die Kreation dieser neuen Formen von Wirklichkeit maßgeblich prägt – sei es als Hindernis für die maschinelle Interpretation von Schatten in Bildern, als Herausforderung für die Vorstellungskraft lernender Maschinen oder als Gradmesser für gelungenen Realismus, etwa im Game Design oder Rendering von «Augmented-Reality-Anwendungen». Gleichzeitig erweitert sich die Bedeutungssphäre mit dem digitalen Schatten um eine zusätzliche Dimension – als jener Bereich, in dem sich die Daten unserer Online-Aktivitäten manifestieren und nachvollziehen lassen. Diese Schatten, die wir täglich in Onlineshops, Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken hinterlassen, werden algorithmisch gelesen, ausgewertet und interpretiert, um mit diesen Daten neue Märkte zu erschließen. Auch darüber hinaus scheint der Bedeutungshorizont des Schattens reich an Verweisen, Metaphern und kulturellen Bezügen, etwa in Märchen, Science-Fiction oder Malerei. Gleichzeitig verkörpert er eine binäre Ordnung, die sich im Verhältnis von Geschlechterrollen und Identitäten wiederfindet.
Vor diesem Hintergrund nähert sich das experimentelle Videoprojekt Unreal Engines über das Phänomen des Schattens verschiedenen Dimensionen von Technologisierung und damit verbundenen Formen von Subjektivität an. Über mehrere Handlungsstränge hinweg, verknüpft der ca. 20-minütige Videoessay unterschiedliche Geschichten und Stimmen, dokumentarische Beobachtungen und poetische Elemente rund um das Phänomen – mit dem Ziel, einen mehrdimensionalen Erzählraum zu erschaffen. So werden Statements aus Foren und Tutorials, in denen die Arbeit am perfekten virtuellen Schatten diskutiert und dabei ein Stück weit Realität verhandelt wird, mit Verweisen auf die Malerei- und Kulturgeschichte in Beziehung gesetzt, welche die Bedeutung des Schattens für die Konstruktion von Wirklichkeit und die menschliche Wahrnehmung thematisieren. Auf der Bildebene treffen Close-Ups von digitalen Schatten aus Games und Renderings auf Sujets aus der Produktfotografie, in der Objekte ganz bewusst ohne Schatten abgebildet werden. Dabei stellt Unreal Engines auch die Frage, inwiefern sich das Individuum in einer mehr und mehr von Bildern dominierten Kultur im Verhältnis zur Simulation virtueller Realitäten und damit entstehenden Erzählstrukturen positioniert und inwiefern dabei neue Formen von Subjektivität, Vorstellungs- und Handlungsräumen entstehen.
Im Rahmen der Ausstellung knüpft das Projekt an im Rahmen des Projekts 2018 gezeigte Videoinstallation Food only exists on pictures an, die von drei Figuren erzählt, welche wie Gespenster an den Rändern des Erfassbaren und Sichtbaren agieren, obwohl ihr Leben von Bildern bestimmt wird.
Marlene Maier, Irreale Motoren (Unreal Engines), 2019. Videostandbild
Marlene Maier, Irreale Motoren (Unreal Engines), 2019. Videostandbild
Bio
Marlene Maier, *1989 in Steyr, lebt und arbeitet in Wien. Studium im Bereich Kunst und Medien an der Akademie der bildenden Künste Wien und der Kyoto University of Art and Design. Ihre textlichen, filmischen und installativen Projekte beschäftigen sich mit gegenwärtigen Systemen der Bildproduktion und Erzählformen im Verhältnis zu Realität, Fiktion und Unsichtbarkeit. 2017 wurden ihre Arbeiten in den Ausstellungen Everything a Hand Can’t Take in der Kunsthalle Wien Karlsplatz, Monitoring des 34. Kasseler Dokfest und am IMPAKT Festival, Utrecht gezeigt. 2017 wurde ihr der Preis der Kunsthalle Wien sowie der Preis der Akademie verliehen.