One More Ecology, Futureless, but a Present Out of Joint
2019. Talk at the symposium
“The time is out of joint: O curséd spite, That ever I was born to set it right!” “Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram, Dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!” Der Spruch des Anaximander sagt, dass das “Anwesende den Un-Fug verwindet, indem es Fug gehören lässt und Ruch eines dem anderen”. Ein dänischer Prinz, der dazu geboren, verflucht, verdammt ist, die Zeit wieder in ihre Fugen zu fügen. Ein deutscher Philosoph, der die Un-Fuge, das Ungeheuer der Entzweiung, den Aufstand der Zerstreuung lediglich als Übergang hin zu Fug und Recht gelten lassen will.
In Zeiten der Verfügung, wenn die Ungefügtheit auf einen Übergang und dieser Übergang noch aufs Kleinste reduziert wird, greift es sich gern auf scheinbar sekundäre Formen zurück. Kommentar und Übersetzung. Nicht als der Substanz untergeordnete Subsistenzen und Akzidenzen, sondern als Beiwerke, ohne die kein Fortleben des Werks zu denken ist, verdecktes Schreiben, bei, neben und unter dem Werk, Umhüllung, beizeiten sogar Überschreibung Übermalung Übertönung des Werks. Beiwerke ohne Werk. Heidegger, Hamlet und Shakespeare verlieren ihre Funktion als auktorial-individuelle Substanz und werden Komponenten einer Maschine. 1976 begibt sich Heiner Müller in ein Übersetzungsprojekt für die Volksbühne Berlin, Die tragische Geschichte von Hamlet, Prinz von Dänemark, und dabei entsteht auch der Hamlet-Kommentar oder, wie Müller ihn bezeichnete, «-Schrumpfkopf», die neun Seiten Hamletmaschine. Die beiden Komponenten, Übersetzung und Kommentar, entstanden in der letzten Phase des Verfügungsapparats der DDR, fügte Müller in den Monaten der Wende 1989/1990 gemeinsam mit Schauspieler_innen am Deutschen Theater Berlin zu einem achtstündigen Stück über den Übergang von Stalin zur Deutschen Bank. Auch ein Übergang, der in die endlose Fügung des maschinischen Kapitalismus führt, hin zu einem Amalgam von Techno-Regierung und Neo-Autoritarismus. Doch gerade in der scheinbar sekundären, scheinbar verfügten Form der Übersetzung und des Kommentars rührt sich das Ungeheuer, lässt sich Zeit gewinnen, in Stillstand und Ausdehnung, «Wildharrung».
Bio
Gerald Raunig works at the eipcp (European Institute for Progressive Cultural Policies) as one of the editors of the multilingual publishing platform transversal texts, and at the Zürcher Hochschule der Künste as professor for philosophy.
His books have been translated into English, Serbian, Spanish, Slovenian, Russian, Italian, Dutch, and Turkish. Recent books in English: Art and Revolution. Transversal Activism in the Long Twentieth Century, translated by Aileen Derieg, New York/Los Angeles: Semiotext(e)/MIT Press 2007; Art and Contemporary Critical Practice. Reinventing Institutional Critique, London: mayflybooks 2009(Ed., with Gene Ray); A Thousand Machines, translated by Aileen Derieg, New York/Los Angeles: Semiotext(e)/MIT Press 2010; Critique of Creativity, London: mayflybooks 2011 (Ed., with Gene Ray and Ulf Wuggenig); Factories of Knowledge, Industries of Creativity, translated by Aileen Derieg, New York/Los Angeles: Semiotext(e)/MIT Press 2013; DIVIDUUM. Machinic Capitalism and Molecular Revolution, Vol.1, translated by Aileen Derieg, New York/Los Angeles: Semiotext(e)/MIT Press 2016.